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Chinas Weg ins 21. Jahrhundert

Dr. Cord Eberspächer hat in Oldenburg, Hamburg, Leiden und Peking Geschichte und Sinologie studiert und promovierte 2003 an der Universität Hamburg mit einer Arbeit zur deutschen Kanonenbootpolitik in China. Nach Forschungsarbeiten am Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und der University of Bristol ist er seit 2010 Direktor des Konfuzius-Instituts in Düsseldorf. Er beschäftigt sich intensiv mit den Entwicklung Chinas in der Gegenwart und forscht zudem zur modernen Geschichte Chinas seit dem 19. Jahrhundert.


Die Entwicklung Chinas seit 1976 (von Cord Eberspächer zum 40-jährigen Bestehen der GDCF Düsseldorf)

Als Helmut Schmidt als deutscher Bundeskanzler 1975 erstmals China besuchte, traf er auch mit Deng Xiaoping zusammen. Beide waren starke Raucher. Bei dieser Gelegenheit soll Schmidt einen seiner Begleiter gebeten haben, Deng seine Zigarette mit einem Feuerzeug zu entzünden. Deng soll darauf bemerkt haben, das Feuerzeug sei ein modernes Instrument, China sei rückständig und verfüge nicht über derart moderne Dinge - aber es werde vom Ausland lernen. In der Tat erlebte Schmidt ein rückständiges China, das ihm vor allem sehr arm erschien. Auf den Straßen sah er kaum Autos, fast alle Chinesen trugen einförmige Kleidung und gingen zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad. Und Tausende von Fahrrädern fuhren ohne Licht, was den Bundeskanzler wohl besonders beeindruckte.

Licht haben die chinesischen Fahrräder auch heute noch nicht, aber ansonsten hat sich das Land, das Helmut Schmidt 1975, also vor etwas mehr als vierzig Jahren erlebte, völlig verändert. China ist wieder zu einer Weltmacht geworden. Wirtschaftlich gehört es zu den begehrtesten Partnern und konkurriert in der Höhe seines Bruttosozialprodukts mit den USA. Politisch steht es in der ersten Reihe und gehört selbstverständlich zum Konzert der relevanten Mächte auf dem Globus.

Doch der Rückblick auf die Mitte der 1970er Jahre zeigt, wie jung diese Entwicklung eigentlich ist. Als sich Schmidt und Deng zum ersten Mal begegneten, war Deng stellvertretender Ministerpräsident, der seine prominente Stellung vor allem der Krebserkrankung Zhou Enlais zu verdanken hatte. Die Kulturrevolution war noch nicht beendet und die sogenannte Viererbande strebte nach der Macht in Staat und Partei. Noch im gleichen Jahr musste sich Deng mehrfach einer Selbstkritik unterwerfen und wurde 1976 abgesetzt.

Dieses Jahr bedeutete aber aus ganz anderen Gründen einen grundlegenden Umbruch für die Geschichte der Volksrepublik China. Zwei der wichtigsten Politiker Chinas seit der Mitte des 20. Jahrhunderts starben, Zhou Enlai und Mao Zedong. Mit dem Sturz der Viererbande kurz nach Maos Tod endete de facto auch die Kulturrevolution. Damit war der Weg frei für neue Entwicklungen. Was Deng in der Anekdote Helmut Schmidt gegenüber angedeutet hatte, konnte nur wenige Jahre in Angriff genommen werden: Die Öffnung und Modernisierung Chinas.

Die ersten wichtigen Schritte folgten nur wenig später. Die wirtschaftliche Öffnung begann mit der Landwirtschaft. Hatten die Volkskommunen bis dahin vorgegeben bekommen, was in welchen Mengen zu produzieren war, bekamen die Bauern nun die Freiheit, in begrenztem Ausmaß selbst über den Anbau zu entscheiden und die Erträge anschließend selbst zu verkaufen. Das bedeutete einen ersten Schritt zur Auflösung der strikten Kontrolle der Landwirtschaft und gleichzeitig die Einführung erster marktwirtschaftlicher Elemente. Gleichzeitig verbesserte sich die Versorgung mit Obst und Gemüse jenseits des vorgeschriebenen Angebots.

Deng griff einen Spruch von 1961 wieder auf, der ihm beim ersten Mal vor allem heftige Kritik eingebracht hatte: „Egal ob die Katze schwarz oder weiß ist, wenn sie Mäuse fängt, ist sie eine gute Katze.“ Unter dieser pragmatischen Prämisse ging er mit seinen Verbündeten Zhao Ziyang und Hu Yaobang die weiteren Schritte an. Zhao wurde 1981 Ministerpräsident, Hu im gleichen Jahr Vorsitzender der KPCh. Ihr gemeinsames Programm hatte die „Vier Modernisierungen“ als ehrgeiziges Ziel: Wirtschaft, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technologie sowie die nationale Verteidigung. Die inoffizielle „fünfte Modernisierung“, nämlich die der Politik, wurde im Verlauf der 1980er Jahre zum Thema gemacht und nach dem Tod Hu Yaobangs zum Auslöser der Proteste auf dem Platz des himmlischen Friedens. Mit der Eskalation der Proteste und ihrer blutigen Niederschlagung verschwand die Frage politischer Veränderungen von der Tagesordnung.

Ziel der Reformen war die Errichtung einer sozialistischen Marktwirtschaft. Deng griff ein Zitat aus der chinesischen Klassik auf, das bereits Mao verwendet hatte, nämlich die Wahrheit in den Fakten zu suchen (實事求是). Unter diesem Wahlspruch sollte ein Sozialismus mit chinesischer Prägung aufgebaut werden. Diese Konstruktion lehnte sich an die Neue Ökonomische Politik in der Sowjetunion unter Lenin (NEP) an und ging davon aus, dass auch in einem sozialistischen China erst die Produktivkräfte weiter entwickelt werden müssten, um schließlich zum vollendeten Sozialismus übergehen zu können. Mit dieser ideologischen Konstruktion, die in den ersten Jahren nicht einmal genauer ausgeführt wurde, gelang es Deng, China wirtschaftlich zu öffnen, ohne die ideologischen Grundlagen der Mao-Ära aufkündigen zu müssen.

Das Programm war ein durchschlagender Erfolg. Hatte das Bruttosozialprodukt (BSP) Chinas seit Jahrzehnten auf einem niedrigen Niveau stagniert, begann nun ein Aufstieg, wie ihn China im 20. Jahrhundert nicht erlebt hatte. Das erste Ziel, die Verdopplung der Bruttosozialprodukts, erreichte China in den späten 1980er Jahren noch weitgehend nach Plan. Der nächste Schritt, die Vervierfachung des BSP, wurde 1995 bereits fünf Jahre vor der geplanten Zeit erreicht und für das letztendliche Ziel, auf das gleiche Niveau wir die entwickelten Marktwirtschaften des Westens zu kommen, hat China nach den ursprünglichen Absichten noch Zeit bis 2050.

Das Geheimnis des Erfolgs lag sicher zu einem erheblichen Teil in dem Vertrauen auf die Eigeninitiative der chinesischen Bevölkerung. Deng hatte sich frühzeitig fundiert über Lenins NEP unterrichten lassen und die chinesische Führung verfolgte aufmerksam die Reformversuche in anderen sozialistischen Ländern wie Jugoslawien, Ungarn und besonders die Veränderungen in der Sowjetunion unter Gorbatschow. Eine wichtige Lehre war, nicht wie Jugoslawen oder Ungarn auf staatliche Initiative zu setzen, sondern Anreize auf der individuellen Ebene zu schaffen. Selbst die Staatsbetriebe wurden zwar nicht unmittelbar privatisiert, bekamen aber deutliche Freiräume und unterstanden in ihren wirtschaftlichen Gebaren nicht mehr der unmittelbaren Kontrolle. Inzwischen ist der private Sektor deutlich gewachsen, ein großer Teil der Chinesen arbeitet nicht mehr in einer klassischen Danwei, sondern in der Privatwirtschaft.

Ausländische Unternehmen sind seit den ersten Abkommen mit den USA Ende der 70er Jahre in China aktiv, in den 1980er Jahren folgte praktisch sämtliche namhaften deutschen Industrien. Aus chinesischer Sicht war vor allem der Transfer wichtig. Dazu gehörte das Know-How, das aus den Joint Ventures mit westlichen Firmen nach China kam, genau so wie die dazu gehörigen Maschinen. Aus China wurden ganze Fabriken aus dem Westen aufgekauft, nach China gebracht um dort wieder die Produktion aufnehmen zu lassen und davon zu lernen.

Inzwischen hat China die Lernprozesse der ersten Stunde lange hinter sich gelassen. Seit der Jahrtausendwende hat sich der Trend umgekehrt: Chinesische Firmen drängen ins Ausland und investieren. Dies bedeutet sowohl Auslandsvertretungen, um Produkte aus China zu vermarkten, aber auch den Aufbau eigener Fertigung und schließlich auch die Übernahme anderer Firmen. In dieser Hinsicht verhalten sich chinesische Konzerne inzwischen nicht wesentlich anders als ihre westlichen Pendants, sie kaufen mögliche Konkurrenten auf oder investieren in neue Sparten, die das eigene Portfolio abrunden sollen.

Die Öffnung und der rasante wirtschaftliche Aufschwung haben China radikal verändert. Dies betrifft am sichtbarsten sicher die Wirtschaft, wirkt sich aber fast auf sämtliche öffentlichen und privaten Bereiche aus. Weder Chinas Politik noch seine Gesellschaft oder seine Kultur sind von dem Wandel unberührt geblieben, der das Land stärker verändert hat, als vielleicht die gesamte Zeit unter Mao zuvor. Die Städte haben sich modernisiert und runderneuert, das Verhältnis von Radfahrern und Autofahrern hat sich völlig umgekehrt und die Frage, wo in der ganzen Modernität noch etwas tatsächliches China steckt, stellt sich nicht nur dem Nostalgiker.

Eine der folgenreichsten Entwicklungen der vergangenen vierzig Jahre betraf die Bevölkerungspolitik. Angesichts des rasanten Anwachsens der chinesischen Bevölkerung seit Mitte des 20. Jahrhunderts stand zu befürchten, dass bei einer Fortsetzung in der Zukunft die Lebensmittelversorgung nicht mehr zu gewährleisten sein würde. 1979 beschloss die chinesische Führung mit der „Ein-Kind-Politik“ ein weltweit einmaliges Programm zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums. Jedes Paar durfte danach nur noch ein Kind haben, lediglich die nationalen Minderheiten blieben von dieser Regelung befreit.

Die Durchsetzung erfolgte über die Einrichtung einer Behörde für Bevölkerungskontrolle, bei der jede Geburt beantragt werden musste. Dazu wurde das Heiratsalter heraufgesetzt und eine besondere Heiratserlaubnis erforderlich gemacht, die u.a. die Kenntnis von Verhütungsmethoden zur Voraussetzung hatte. Bei Einhalten der Regeln gab es Vergünstigungen wie mehr Urlaub, kostenlose Kindergartenplätze oder Bevorzugung bei der Wohnungszuteilung, bei Verstößen gab es entsprechende Sanktionen, die im schlimmsten Fall hohe Kosten oder sogar den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten konnten. Unerwünschte oder ungeplante Schwangerschaften wurden nicht selten abgebrochen.

Die Ein-Kind-Politik war im Hinblick auf die ursprünglichen Ziele durchaus erfolgreich. Zwar gelang es nicht, das Bevölkerungswachstum so stark zu bremsen wie erhofft, aber deutlich zu verlangsamen. Die chinesische Regierung schätzt, dass ohne diese Politik bis 2004 etwa 300 Millionen mehr Geburten zu verbuchen gewesen wären. Allerdings verursacht das gebremste Bevölkerungswachstum inzwischen auch demographische Probleme. Chinas Gesellschaft ist deutlich gealtert und hat bei der Altersversorgung ähnliche Schwierigkeiten wie die westlichen Gesellschaften.

Hinzu kommen Schwierigkeiten auf der sozialen und kulturellen Ebene. Dies betrifft zunächst die Fortführung der Familie im konfuzianischen Sinn. Die Kindespietät verlangt, dass die Linie der Familie fortgeführt wird, und das geschieht nach traditionellem Verständnis nur durch männliche Nachkommen - Töchter heiraten in die Familie ihres Ehemannes und gehen ihrer eigenen Sippe gewissermaßen verloren. Mit der Ein-Kind-Politik steht ein solches Verständnis aber vor einem Problem: Wenn es nur einen Versuch gibt, und es wird ein Mädchen, was dann? Obwohl die Bestimmung des Geschlechts vor der Geburt in China offiziell illegal ist, überwiegen die männlichen Geburten. Dies lässt zum einen auf illegale Praktiken schließen, sei es heimliche Geschlechtsbestimmung und Abtreibung weiblicher Föten oder auch die Tötung des weiblichen Säuglings. Daraus entsteht zum anderen ein weiteres Problem: Schon auf Grundlage der Statistik haben tausende von Männern keine Aussicht, jemals eine Frau zu finden - inzwischen gibt es schon südostasiatische Bräute aus dem Katalog.

Doch eine der einschneidendsten Veränderungen liegt auf der kulturellen Ebene. Fürsorge und Zuwendung zu Kindern konzentrieren sich nur noch auf einen Sprössling. Dieser wird entsprechend betreut, beaufsichtigt und verwöhnt. Gleichzeitig ruhen auf dem Mädchen oder Jungen sämtliche Hoffnungen und Erwartungen im Hinblick auf eine erfolgreiche Schullaufbahn und Karriere. Chinesische Kinder werden in einem hohen Maß Objekt des elterlichen Ehrgeizes. Dies verändert auch Denkweisen und Mentalitäten. Lernten chinesische Kinder noch bis in die 1980er Jahre, sich einzufügen, bekommt der Nachwuchs im Zeitalter der Ein-Kind-Politik vermittelt, dass sich alles nur nach ihm richtet - im Guten wie im Schlechten.

Aber ein Stück weit passen die (inzwischen auch nicht mehr immer so jungen) Männer und Frauen auch in das neue China. Mit der wirtschaftlichen Stärke ist auch ein neues Selbstbewusstsein erwachsen. Als vor wenigen Jahren auf einem Wirtschaftsforum in Neuss ein älterer Unternehmer sagte, er habe China langsam satt, die Chinesen seien ihm inzwischen zu unverschämt geworden, dachte der Autor dieser Zeilen bei sich: Der Mann war es jahrelang gewohnt, hofiert und in die erste Reihe gestellt zu werden. Jetzt wollen die Chinesen mit dem gleichen Respekt behandelt werden wie er - und damit kommt er nicht zurecht.

Gleichberechtigung und Anerkennung haben für das China der Gegenwart einen bemerkenswert hohen Stellenwert. Die Aufnahme in die großen internationalen Organisationen wie die World Trade Organization (WTO) gehört ebenso dazu wie die Abhaltung der Olympischen Spiele in Peking im Sommer 2008 und die Weltausstellung in Shanghai 2010. Es hat einen hohen Symbolwert, dass China solche Massenveranstaltungen vor den Augen der Welt zugetraut werden.

Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Aus chinesischer Sicht besteht die neuere Geschichte des Landes aus einer einzigen Serie von Demütigungen. Wenn die moderne Geschichte mit den Opiumkriegen einsetzt, dann bedeutet Moderne nicht nur eine Veränderung des Landes, sondern sein Herabsinken von einer Weltmacht zu dem „kranken Mann“ Ostasiens. Und bei allen Erfolgen der Modernisierung im 20. Jahrhundert blieb China in den Augen des Westens ein rückständiges Entwicklungsland.

Angesichts der langen chinesischen Geschichte konnte diese Zeit der Demütigungen aber allenfalls eine zeitweilige Krisenperiode sein, die es zu überwinden galt. Hier stehen auch die chinesischen Kommunisten in einer mehrtausendjährigen imperialen Tradition und den Führern der KPCh ist die Aufgabe zugefallen, China wieder zu seiner alten Größe zu führen. Wenn wir dabei auf die traditionelle Sicht Chinas auf die Außenwelt blicken, darf man gespannt sein, ob es bei dem Anspruch bleibt, auf Augenhöhe behandelt zu werden.

Bis dahin ist aber noch ein langer Weg zurück zu legen. Auch wenn China auf der symbolischen Ebene bereits Gleichberechtigung erfährt, heisst das noch lange nicht, dass China auch als gleichwertig angesehen wird. In der Berichterstattung über China ist immer wieder festzustellen, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Wenn die USA und China das Gleiche tun, wird es noch lange nicht gleich bewertet. Chinas wachsende Rolle wird mit deutlichem Misstrauen beobachtet und der Leser kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es manchem Berichterstatter ein geradezu sadistisches Vergnügen bereitet, über chinesische Probleme berichten zu können.

Während auf der einen Seite Offenheit, Liberalität und Toleranz eingefordert werden, hat der Autor mitunter den Eindruck, dass die Motive der „Gelben Gefahr“ und eines bösen „Fu Manchu“, der bis in die 1950er Jahre immer nur knapp an der Übernahme der Weltherrschaft gehindert werden konnte, viel präsenter sind als man meinen möchte. Um solche tief sitzenden Vorurteile überwinden zu können, sind dicke Bretter zu bohren, mit Besonnenheit und Geduld - wobei die GDCF Düsseldorf sicher weiterhin ihren Beitrag leisten wird.


Chinesische Impressionen

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